Bedauern vom Expeditionsleiter: Das wäre ein schöner Braten geworden...

Bedauern vom Expeditionsleiter: Das wäre ein schöner Braten geworden…

Neulich hat es mich auf eine Ornithologen-Kreuzfahrt verschlagen, das war sehr interessant. Mit an Bord ein Wiener Paar auf Hochzeitsreise, perfekt mit Outdoor- Equipment sämtlicher Art ausgestattet – natürlich im Partnerlook. Sie betrauert ein wenig die Stockbetten, verfällt in den ersten Tagen aber ohnehin der Seekrankheit, so dass an Romantik nicht zu denken ist.

Das zwischenmenschliche Miteinander unter Naturliebhabern läuft auf einer anderen Ebene ab: In der von Walrossblähungen geprägten Arktisluft weist der Mann seine Frau an, Rentierköttel zu fotografieren. Und zwar sowohl die Sommer- als auch die Wintervariante, da gäbe es nämlich eklatante Unterschiede.
Unsere erste Anlandung machen wir für eine einzelne Möwe, die sich an einem Robben- Kadaver gütlich tut. Die Kameras klicken eifriger als bei der Automesse. Ansonsten gab es nichts zu sehen. Ich lasse mir erklären, dass es sich um eine seltene Möwe handele.

Essen Ornithologen eigentlich Geflügel? Zumindest bei den Frühstückseiern ist keine Zurückhaltung erkennbar. Und unser Expeditionsleiter berichtet sogar stolz von der Helgoländer Leuchtturmwärterliste: Im Wettbewerb, wer die meisten Vogelarten gegessen hat, bringt er es mit fast 50 Jahren Mitgliedschaft im Ornithologenclub auf über 80 Sorten. Wenn die Zugvögel kommen, fliegt praktischerweise fast täglich das Abendessen gegen den Arbeitsplatz des befreundeten Einsiedlers.

Vor Walrosskolonien führen wir wiederholt eine Art Formationstanz auf, um die verdauenden Tiere nicht zu stören. Wie bei Riverdance alle schön schweigend in einer Reihe vorrücken, nur nicht ganz so elegant, dank Gummistiefeln. Beneidenswert, wie gut die massigen Wesen schlafen können, obwohl es rund um die Uhr hell ist. Dieser Umstand ermöglicht auch Walbeobachtungen um vier Uhr nachts. Anfangs ist das aufregend, in der letzten Nacht fällt es schwer, aufzustehen.

Schön, dass er schlafen kann. Ich bin jetzt wach.

Schön, dass er schlafen kann. Ich bin jetzt wach.

Ein Highlight wärmt mich von innen: Brav NACH dem Frühstück wird an Tag Fünf eine Eisbärin gesichtet, die bei näherer Betrachtung zwei Junge hat. Das ist natürlich spektakulär und für die nächsten fünf Stunden bekommt mich niemand vom Fernglas weg.

Was den Vogelkundlern nicht fehlt, ist Selbstironie. In einem unterhaltsamen Diavortrag lerne ich, dass die Professionalität der Ornithologen leicht an der Länge des Riemens ablesbar ist, an dem das Fernglas um den Hals hängt: Je kürzer, desto besser.

Dennoch ist im Nachhinein noch so manche Frage offen: Entstehen bei der Paarung von Gryllteisten und Thorshühnchen eigentlich Broiler? Gibt es den seltenen Gelbschnabel- Strandläufer wirklich, den die drei wackeren Gesellen gesehen haben, die am letzten Tag im Regen hinausgefahren sind, während wir dem einen oder anderen Glas Wein zusprachen? Und haben ,,birdies”, als welche sich die Ornithologen liebevoll selbst bezeichnen, eine Vorliebe für die gleichnamige Sängerin? Wir werden es wohl nie erfahren. Es sei denn, wir gehen noch einmal auf eine Ornithologen- Kreuzfahrt.