Stundenlang muss die alte Dame vor dem Schiff an der Überseebrücke gesessen haben, um den stolzen, schwarzen Rumpf hinaufzuschauen. Immer wieder kullerten ihr Tränen übers Gesicht. Ganz sanft nickte die NORDSTJERNEN ihr zu, immer dann, wenn das Fahrwasser der Hafenfähren sie erreichte. Die Oldtimer-Lady bewegt die Herzen, aber leider ist sie nicht rollstuhlgeeignet. Sonst wäre die Besucherin sicherlich an Bord gekommen, um zu sehen, wie das Schiff heute aussieht. Das Schiff, an dem ihr Mann vor 62 Jahren mitgebaut hat. Als ihr Enkel, der ebenfalls bei Blohm & Voss arbeitet, vom Besuch der NORDSTJERNEN erfuhr, musste er seine Großmutter einfach in den Hafen fahren. Wenn schon nicht auf, so doch wenigstens vor das Schiff.

An Bord führt Klaus-Peter Liedtke durch die engen Flure. Es duftet nach altem Holz. „Wer größer als 1,83m ist, sollte aufpassen“, warnt er, als sich Köpfe und Wassersprenkler an der Decke gefährlich nahekomen. Wir befinden uns tief im Schiffsbauch, unter der Wasserlinie. Achtern – nah an der Maschine – liegen die Kabinen zweiter Klasse, inklusive Gemeinschaftsduschen und WCs. Über ein eigenes Treppenhaus gelangen die Passagiere zum Speisesaal der zweiten Klasse. Weiter vorn im Schiff – durch schwere Türen getrennt – dann die Kabinen und der Speisesaal der ersten Klasse. Die NORDSTJERNEN entstand nach Plänen ihres gleichnamigen Vorgängerschiffs, das 1954 sank. Auch einen Damensalon hat es damals gegeben, übrigens nur in der zweiten Klasse. „Man ging davon aus, dass die Frauen in der zweiten Klasse mehr Schutz bedürfen“, schmunzelt Liedtke. Heute ist die Klassentrennung selbstverständlich aufgehoben. Und der Frauen-Salon ist zur größten Kabine des Schiffes umgebaut worden. Sie liegt allerdings direkt über der Schiffschraube und wird deshalb auch „Propellersuite“ genannt – für geräuschempfindliche Menschen weniger geeignet.

Auf dem C-Deck, wo früher der Postmeister die Sendungen sortierte – schließlich war das Schiff mit einem Versorgungsauftrag entlang der norwegischen Küste und in Richtung Spitzbergen unterwegs – sind heute ebenfalls Kabinen untergebracht. Hier oben lässt sich Ernst zum Glück nur selten blicken. Ernst ist der Schiffsgeist, der ab und zu Türen und Klappbetten bewegt. Er fühlt sich weiter unten wohler, weiß Margit Distler, die schon unzählige Reisen des Schiffs begleitet hat. Ernst muss schon bei der Schiffstaufe an Bord gewesen sein, schließlich ist er der Geist eines Werftarbeiters, der beim Bau an Bord ums Leben gekommen ist. Aber anscheinend ist er den Gästen wohlgesonnen, jedenfalls gab es noch keine ernsthaften Beschwerden. Erst nach dem Verlassen des Schiffs fällt mir ein: Vielleicht hätte Margit die Dame an der Pier heute einmal fragen sollen, wie lange ihr Mann schon tot ist.