Hektisch paddele ich mit dem fremden Gefühl von Taucherflossen an den Füßen hin und her. So viele farbenprächtige Fische schillern im sonnendurchfluteten Wasser und ich will keinen verpassen. Zwischen bunten Korallen scheinen sie ein Festmahl zu halten, es knuspert und knistert nur so unterhalb der Wasseroberfläche. Das Seegras bewegt sich rhythmisch mit den Wellen. Plötzlich verschwimmt das herrliche Bild, die Taucherbrille füllt sich mit Wasser – mein Grinsen hat das Vakuum aufgelöst.

Am Abend wälzen wir Bestimmungsbücher und finden sie alle wieder: Papageienfische, Lippenfische, Flötenfische, Doktorfische… . Am Nachbartisch berichten die Taucher begeistert von großen Baracudas und Marlins, die sie in der Tiefe gesehen haben – mir reichen die kleinen, disneyfarbenen Varianten völlig. Zum Glück gibt es zum Abendessen keinen Fisch, sondern kreolisches „chicken curry“ – von Mitreisenden liebevoll auch „geschreddertes Huhn“ genannt, da sämtliche Knochen noch im Kleinformat zu finden sind.

An Bord der „Sea Pearl“ geht es herzlich zu, das „Du“ ist auf einem Segler selbstverständlich. Minikabinen und gemeinsame Duschen für alle Passagiere führen zu einem lockeren Backpackerfeeling. Das ist die perfekte Atmosphäre, um eine Fünf-Sterne-Destination zu entdecken. Täglich sehen wir einen neuen, unwirklich schönen Teil vom Paradies – da tut es gut, des Nachts das Knarren einer 100 Jahre alten Segellady als realen Gegensatz zu haben.

Die Coco de Mer weckt zweideutige Assoziationen

Die Coco de Mer weckt zweideutige Assoziationen

Im Nationalpark Valle de Mer spaziert die 10-köpfige Segelfamilie durch einen Urwald mit mannshohen Blättern. Hier wächst die größte Kokosnuss der Welt – die Coco de Mer wiegt satte 20 Kilogramm. Die Assoziationen, die der zweigeschlechtliche Baum weckt, sind eindeutig und bringen so manchen Mitreisenden zum Schmunzeln. Zur Abkühlung gibt es danach am feinen, weißen Sandstrand erst einmal frisches Mango- und Kokoseis.

Es dauert nicht lang, da verliert die Zeit ihre Bedeutung, eine Uhr trägt niemand mehr. Der Fortschritt des Tages lässt sich recht einfach schätzen, schließlich geht die Sonne immer gegen sechs Uhr auf und unter. Übrigens ohne großes Farbenspiel – zu viel Kitsch muss ja nun auch nicht sein. Und so belächeln wir auch den Schleier, der am Bacardi-Beach auf La Digue markiert, dass sich ein frisch verheiratetes Paar zwischen beeindruckenden Felsen eine Bucht gesucht hat und nicht gestört werden will.

Gibt es eine Steigerung von perfekt? Sie würde die Strände auf der anderen Seite der Insel beschreiben. Auf 100 Metern Breite werden sie eingerahmt von einem grünen Teppich mit pinken Blumen auf der einen und azurblauen, krachenden Wellen auf der anderen Seite. Die Palmenwedel klatschen Beifall zum dezenten Vogelgesang, kaum ein Mensch ist zu sehen. Der ungarische Guide Attila bringt den Jungs bei, Kokosnüsse zu öffnen. Es gibt nichts Erfrischenderes als Kokoswasser.

Immer wieder taucht auf dieser Reise der Gedanke an das Paradies auf. Geologisch ist er gar nicht mal unbegründet: Als der Urkontinent Gondwanaland in die Erdteile Südamerika, Afrika und Asien zerbrach, blieben im Pazifik zwei große und einige kleine Felsen zurück. Die größeren heißen heute Madagaskar und Sri Lanka, die kleineren bilden die Innere Seychellen-Gruppe. Mit ihren bis zu 900 Meter hohen Bergen zeichnet die Granitinseln ein weltweit einzigartiger landschaftlicher Charakter aus. Alle anderen ozeanischen Eilande sind entweder vulkanischen oder korallinen Ursprungs. Und die Seychellen haben sich im Gegensatz zu anderen Regionen kaum verändert, mittlerweile bewahrt durch zahlreiche Naturschutzgebiete.

Naturliebhaber und Taucher kommen auf unserer Segelreise daher voll auf ihre Kosten. Mindestens acht Tauchgänge pro Törn werden vom Veranstalter garantiert. Besonders gut ist die Sicht in den windstillen Monaten Mai/Juni und Oktober/November – hier gibt es dann auch spezielle Tauchreisen, die mit Begleitboot ins offene Meer führen. Wer sich eher oberhalb der Wasserlinie aufhält, der bekommt im Sommer Abkühlung durch lebhafte südöstliche Winde und kurze Regenschauer – die angenehmste Reisezeit ist von Juni bis September. Zu Jahresbeginn kann es auch mal länger regnen, der Wind ist wechselhaft, die See rauer. Prinzipiell sind die Seychellen mit ihren tropischen Klima aber eine Ganzjahresdestination.

Vor der Küste Arides verfolgen wir die Flugbahnen unzähliger Vögel, die die dichte Vegetation von oben inspizieren. In der Hauptsaison leben eine Million Vögel auf dem 400 Quadratmeter großen Eiland. In bester James-Bond-Manier landen wir mit dem Schlauchboot des Inselhüters mitten auf dem Strand. Ein Biologe erläutert die Artenvielfalt, während er uns durch die Hügel führt. Hüfthohe Ananaspflanzen verströmen ihren süßen Duft. Bunte Geckos setzen sich an Palmenstämmen für die Fotografen in Szene. Auf den verschlungenen Pfaden sehen wir immer wieder Bodennester, aus denen uns kleine Vögel neugierig betrachten. Wir lernen, dass eine nahezu ausgestorbene Art mit Zufütterung erfolgreich gestärkt wird. Ihren geschützten Lebensraum verdankt die ausschließlich auf den Seychellen lebende Spezies dem Schokoladenpapst Christopher Cadbury. Dieser kaufte Aride 1973 und ließ Kokosplantagen gegen die ursprüngliche Bepflanzung austauschen. Seither herrscht Ruhe auf der Insel.

Nach der schweißtreibenden Wanderung schnell wieder ins Wasser. Inzwischen habe ich gelernt, mich beim Schnorcheln ruhig treiben zu lassen und entdecke am Grund einen knallgelben Seestern sowie jede Menge Seeigel. Manche Korallen sehen wie Pilze aus, andere wie Blumen. Im Laufe der Zeit nähern sich unzählige bunte Zebrafische und lassen sich mit überreifen Bananen füttern. Und plötzlich wird mir klar, warum man bei der Einreise ein Rückflugticket vorlegen muss.