Ein leises Grollen kündigt den Wetterumschwung an. Wir sind kaum ausgelaufen, es ist noch nicht dunkel, da braut es sich schon vor uns zusammen. Der Kapitän hat nur Wind angekündigt, charmant: Unwetter meldet man scheinbar nicht, so wie es kein Deck 13 gibt. Doch wir haben ein Ziel, Gottvertrauen in die Technik und im Zweifelsfall auch beruhigende Alkoholika. Die Positionsleuchte am Bug strahlt in die Dunkelheit. Die da unter uns wissen schon, was sie tun.

Kaum merklich werden die Motoren lauter, das dreizehn Jahre alte Schiff wehrt sich. Hält tapfer gegen. Immer schneller bahnen sich die Regentropfen an der Fensterscheibe ihren Weg. Der Sessel scheint sich zu bewegen, auch die Gläser zittern leise. Eine Gruppe älterer Suitengäste unterhält sich darüber, dass sie nicht in die Badewanne kommen. Das Leben ist schon perfide: Wenn man den Wohlstand hat, sich Gutes zu gönnen, ist der Badewannenrand zu hoch.

Inzwischen ist es stockfinster geworden. Die Wellen schlagen an den Bug, ab und an leuchtet der Horizont für den Bruchteil einer Sekunde auf. Jetzt muss die alte Lady langsam kämpfen. Ich genieße unterdessen meine Aussichtsposition ganz vorn und ganz oben. Werde eins mit dem Schiff, seinem sanften Schaukeln, dem Geräusch der Wellen. Kann mir gar nicht vorstellen, dass morgen wieder die Sonne scheint. Auf dem Wasser geerdet im Hier und Jetzt. Angekommen.

Und doch ruft das zweite Vier-Gänge-Menü des Tages. Ist das artgerechte Menschenhaltung? Die gehobene Mittelschicht gönnt sich halt was an den wenigen entspannten Tagen des Jahres. Unverschämtheit, dass man nicht draußen sitzen kann.

Der Regen prasselt gegen die drei Meter hohen Scheiben. Die Tropfen vollführen einen Formationstanz auf dem Weg hinab, immer wieder verharrend, je nach Neigung des Schiffs. Alle gleichzeitig. Gleichzeitig wie die Teller am Tisch. Gleichgeschaltet wie die vielen Menschen, die hier arbeiten. Auf engem Raum. Sieben Tage die Woche. Ununterbrochen für neun Monate. Das schweißt bestimmt zusammen. Ob sie auf uns herabsehen? Die wir uns den Bauch vollschlagen und anschließend im Hamam massieren lassen?

Donnergrollen und Blitzen synchronisieren sich. Ein wenig unheimlich ist das schon. Hat ein Schiff eigentlich einen Blitzableiter? Eine hohe Angriffsfläche bieten wir doch eigentlich nicht. Uninteressant für Blitze, oder?

Das was jetzt beginnt, nennen die erfahrenen Seeleute „Stampfen“. Der Bug schlägt immer mal wieder unsanft auf die Wasseroberfläche. Die Rezeptionistin der Lounge bekommt Anweisung, das Buffet zu sichern. Ein leichter Kopfschmerz macht sich breit.

Das könnte eine interessante Nacht werden. Ich mag es ja, wenn es schaukelt. Amüsante Irritationen beim Gehen, im vollkommen nüchternen Zustand. Ein geborgenes Gefühl im Schlaf.