Einschiffung in Istanbul. Ich ziehe mich nach einem schönen Mittagessen beim Italiener „Venezia“ an Bord auf die Kabine zurück. Dort ist es gerade perfekt: Erdbeeren, Champagner und Bosporus-Blick. Es herrscht ein reger Fährverkehr, die Schiffe hupen und tuckern von rechts nach links und von links nach rechts. Mittendrin schaukelt ein kleines türkises Fischerboot. Die Motorvibrationen resonieren im Brustkorb. Unzählige weiße, fast durchsichtige Quallen treiben durch das grüne Wasser. Vorhin war die Wasseroberfläche noch recht bewegt, jetzt ist es ruhig und sonnig. Gestern hat es noch geregnet, heute sind die Ausflugsboote dicht bepackt.

Das Durchschnittsalter beträgt in den nächsten Tagen 62 Jahre. Der Stil des Schiffs ist sehr klassisch: viel lila, postsexuelle Farbe. Leider liegt der Preisteil nicht im Katalog. Aber ich weiß, dass der Tagespreis bei 500 Euro liegt. Ich bin gespannt, warum die Menschen so viel Geld für ein Schiff Baujahr 1995 zahlen. Immerhin hat es viele Balkone, im Gegensatz zur gleichaltrigen „Deutschland“. Manchmal sind es vielleicht auch die kleinen Unterschiede zum „normalen Schiff“, die sich bezahlt machen: Ein Hauch von Luxus. Das Bad ist geräumig und gefliest, es gibt dreilagiges, gut duftendes Klopapier und Armaturen mit goldenen Ringen. Und die Rezeptionistin kennt bereits meinen Namen.

Griechische Inseln werden wohl für uns auf dem Programm stehen. Ich bin gespannt. Der Mond steht hoch und schräg am Himmel. Dass die Reiseroute noch nicht feststeht, sondern demokratisch unter den Gästen abgestimmt wird, führt zu einem Gefühl der absoluten Entspannung: Man hat kein schlechtes Gewissen, nicht vorbereitet zu sein.

Der begehbare Kleiderschrank auf der "Europa" ist ein Traum!

Der begehbare Kleiderschrank auf der „Europa“ ist ein Traum!

Etwa ein Stündchen auf dem Balkon gedöst, den begehbaren Kleiderschrank eingeräumt, geduscht. Draußen gibt der Pianospieler sein Bestes zur Begrüßung. Ein wenig graut es mir vor den grauen Eminenzen. Naja, gleich sehen wir erstmal alle albern aus, bei der Rettungsübung – hier natürlich MIT Weste.

Obwohl wir noch an der Pier liegen, schaukelt das Schiff ein wenig. Das Meer ist wieder ein wenig aufgewühlter und wechselt die Farbe von grün zu blau. Weitere Details: Die Tische sind mit Leder bespannt. Ich mag das Schmuckkästchen. Aber: Es gibt Stufen zwischen Bad sowie Balkon und Kabine. Und: Ich finde nicht heraus, wo sich die Nachttischlampen löschen lassen.

Eva hilft mir weiter. Es ist glaube ich das erste Mal, dass ich eine deutsche Kabinenstewardess habe. Sie ist ungefähr 1,85 m groß. Wie immer fühle ich mich ein wenig seltsam, dass ein Mensch meines Alters mir hinterherräumt. Sie hat gefragt, auf welcher Seite des Bettes ich schlafe. Was mir zudem noch positiv auffälllt: Es gibt Parka und Regenschirme zu leihen, die Minibar ist inklusive und man kann einen Schneidereiservice nutzen.

Angenehm: Die erste Durchsage erst um 18:40 Uhr. Zehn Gäste waren bereits auf der letzten Reise dabei. Flüge aus Deutschland sind verspätet – schade: Ausfahrt durch den Bosporus dann erst bei Dunkelheit. Direkt gegenüber vom Terminal am goldenen Horn von Istanbul befindet sich das Istanbul Modern Museum mit moderner Kunst aus aller Welt. Wir fahren durch die Dadarnellen morgen früh und dann in die Ägäis. Die Durchsagen werden länger, inkludieren Geschichtsabhandlungen. Heute liegen eine neuseeländische und eine australische Fregatte im Hafen, da einer Schlacht vom 25.4.1915 gedacht wird.

Der Kapitän sagt im persönlichen Gespräch: „Luxus wird stiller.“ Es wird nicht mehr so viel zur Schau getragen. Man weiß, man ist unter sich. Oder auch nicht, momentan mit zehn Journalisten an Bord. Ich hatte so viel Champagner wie lange nicht mehr. Eigentlich erstaunlich, dass die „Europa“-Gäste so einen Hype um den Kapitän machen. Sie haben doch selbst viel besser dotierte und vermutlich ebenso verantwortungsvolle Positionen (gehabt). Woran liegt das? Das muss ich herausfinden. Vielleicht ist er nur eine Schachbrettfigur im Wettbewerb mit den Mitreisenden: Wer schafft es an den Kapitänstisch? Wessen Status ist höher?