8:30 Uhr – Der Lektor weckt mich: Wir passieren das hölzerne Pferd von Canakkale, das an die Schlacht von Troja erinnert. Die Sonne scheint auf meinen Balkon, ich kann es nicht erkennen. Ich sehe lediglich eine langgestreckte Ansammlung von Häusern am Ufer. In ein paar Stunden wird entschieden, wo es hingehen soll. Das erste Ziel musste der Kapitän bereits festlegen, sonst kann er nicht auslaufen.

Gerade sitze ich im Satinpyjama mit Sonnenbrille auf dem Balkon und es ist nicht zu kalt. Herrlich! Ich hätte mir mein Frühstück auf die Kabine bestellen sollen. Schwarze Vögel fliegen durch den hellen Dunst über dem Wasser. Eine große Stille liegt auf diesem Montagmorgen im April. Das Wasser ist spiegelglatt, lediglich die Bugwelle verleiht der Sonne schillernde Reflektionspunkte. Auf der asiatischen Hügelkette stehen Windräder. Ich lasse mich vom Rauschen betören und hole mir einen Orangensaft aus der Minibar anstatt zum Sport zu gehen. Eigentlich sollte jede Reise mit einem Seetag beginnen, das ist so schön entspannt.

Ich habe gestern Kapitän Behrendt gefragt, worin der Unterschied zwischen Expeditions- und Luxuspassagieren besteht. Ob der Kapitän im Eis eine ebenso wichtige Rolle spiele, wie hier. „Ja“, erwidert er, „aber auf einer anderen, vertrauensvolleren Basis. Sie sind dankbar für die Erlebnisse.“ Auf der EUROPA wird eher gefachsimpelt und Fußlängenvergleich der eigenen Boote betrieben.

Das Wasser kräuselt sich ganz leicht an der Oberfläche, wirkt wie die faltige Haut einer alten Frau. Auch hier wieder jede Menge Quallen. Die EUROPA ist eines der ersten Schiffe mit Azipod-Antrieb. Tatsächlich fährt sie sehr ruhig. Auch das Tagesprogramm ist (insbesondere für einen Seetag) sehr ruhig. Während sich heute Nachmittag die Ärzte an Bord treffen, werde ich ins Fitnessstudio gehen.

MEIN SCHIFF 2 kommt uns entgegen, der Motor ist weithin zu hören. Frühstück auf dem Lidodeck. Es sind genügend Plätze für alle da. Am Pool preist anschließend ein emeritierter Professor der Biologie seine Fachbücher über Laub- und Nadelbäume einem ehemaligen Manager der Tiefdruckindustrie an. Er habe sie zur Durchsicht mitgebracht.

 

 

14:15 Uhr – Ich habe eine Stunde auf dem Stepper gestanden und Passagiere betrachtet. Es fällt auf, dass relativ wenig seniorenbeige und -grau getragen wird und wenn, dann in Kombination mit bunten Farben. Ein Herr läuft in lila Hose, lila Schuhen und lila-grün-kariertem Hemd umher. T-Shirt sind rar gesät. Die meisten Männer entscheiden sich doch fürs Hemd oder ein Polo-Shirt, gerne in Kombination mit lässig über den Schultern liegendem Pullover (letzteres gilt auch für Frauen). Nur wenige halten ihren Wohlstandsbauch unbekleidet in die Sonne.

Drei Routenvarianten mit je drei Tageszielen standen zur Auswahl.

Drei Routenvarianten mit je drei Tageszielen standen zur Auswahl.

Die Abstimmung war sehr interessant. Trotz des strahlenden Sonnenscheins fand sich ein Großteil der Passagiere in der abgedunkelten Europa-Lounge ein. Die frühen Gäste wählten mit Bedacht strategisch gute Sitzplätze, der Notizblock wurde gezogen und der Reiseführer konsultiert. Mit durchgedrücktem Rücken betrat der Kapitän das Parkett, ein Gong erklang, verhaltener Applaus. „Noch applaudieren sie“, sagte er schmunzelnd und berichtet, dass auch er sich erst an das Reisekonzept gewöhnen muss. In den meisten Regionen der Welt sei das gar nicht möglich. Und natürlich bedeute es viel Arbeit in kurzer Zeit. Aber er steige am 10. Mai in Venedig aus und gehe in den Urlaub.

Bei Bekanntgabe des ersten Hafens – Skiathos – geht ein „Aaaah“ durch die Reihen. Auf der griechischen Insel würden dann auch die drei Koffer nachgeliefert, die gestern nicht angekommen seien. Danach sei aber noch vieles offen. „Demokratie geht vom Volk aus. Wir sind im Geburtsland der Demokratie“, stellte Behrendt fest und setzte sogleich hinzu, dass jede Stimme gleich viel gelte, Treuetage und Kabinenkategorie würden nicht berücksichtigt. Der Reiseleiter stellt drei Alternativrouten für die ersten Tage vor: Version A: Chios – Delos/Mykonos und Naxos Version B: Patmos – Rhodos/Symi – Marmaris und Version C: Volos – Piräus – Spezis.

Eine schnelle Beratung mit den Umsitzenden begann, bevor der Kapitän Entscheidungshilfen gab: Volos biete nicht viel, die Fahrt zum Meteora-Kloster dauere zwei Stunden pro Strecke. Athen wurde mit unattraktiven Bildern präsentiert. Schon melden sich für diese Alternative nur zwei Personen. Zumal es vor der Abstimmung noch hieß: Wer will nach Santorini? Die Menge brauste auf, zumal sie hörte, dass die Chance bestehe, dass die Europa bei ihrem Besuch das einzige Schiff in der Bucht ist. Die absolute Mehrheit stimmte für A.

Athos darf ausschließlich von männlichen Wesen betreten werden. Angeblich gibt es noch nicht einmal Hühner auf der Insel.

Athos darf ausschließlich von männlichen Wesen betreten werden. Angeblich gibt es noch nicht einmal Hühner auf der Insel.

Vor uns liegt ein hoher Berg im Dunst. Er gehört zu Athos, einer Insel, auf der Frauen keinen Zutritt haben, da auf dem griechisch-orthodoxen Hoheitsgebiet zahlreiche Mönchskloster angesiedelt sind. Wir nähern uns dem Höhepunkt des Tages mit Blick von der Brücke. „Aber die Damen dürfen nur auf die Steuerbordseite“, scherzt der Kapitän, „damit wir den Mindestabstand von 200 Metern einhalten.“ Unverschämtheit! 🙂