Cruisine setzt sich an Bord einer Ostseefähre mit der russischen Mentalität auseinander – und kommt dabei zu einer erstaunlichen Lösung für den Ukraine-Konflikt.

„Wodka or Champaign?“ – die Begrüßungsfrage des Kellners an unserem Tisch lenkt mich ab von den üppigen Schenkeln im knappen Rock am Weinzapfhahn. Faszinierend, wie die dazugehörigen Hände mit traumtänzerischer Sicherheit zwei Weingläser gleichzeitig mit dem Doppelten der üblichen Menge befüllen. Der russische Perlwein schmeckt erstaunlich gut, die mitreisenden Herren loben auch den Wodka. Das Buffet wartet neben rauen Mengen Kaviar mit bodenständigen Hauptspeisen auf, die eine solide Grundlage für den weiteren Abend bilden. Beim Blick auf das weitere Tagesprogramm wird klar, warum ich die einzige Frau in der Gruppe zu sein scheine: Ich habe mich nicht im Vorwege der Reise informiert. Zunächst steht Wodka-Wetttrinken in der Lounge an, danach „Erotischer Tanz“ im Lustigen Hasen. Na dann Nastrovje!

Moderne Technik in meiner Kabine

Moderne Technik in meiner Kabine

Auf dem Weg zur Kabine ertönt auf den Fluren Musik aus dem Spätprogramm des Fernsehsenders 9live. Die neun Quadratmeter Privatsphäre stehen unter der Maxime der schlichten Eleganz – ohne Eleganz. Ein Telefon gibt es nicht, ebenso wenig wie einen Fernseher oder einen Fön. Die einzige technische Apparatur ist eine Art Radio. Drei Knöpfe geben Auswahlmöglichkeiten für den Weckdienst: eine, anderthalb oder zwei Stunden vor Ankunft. Auf dem Weg zum Abendprogramm steige ich über zwei paar Beine, die es sich bereits auf dem Flurboden bequem gemacht haben – es entsteht der Charme einer Jugendherberge, mit Gästen in den Vierzigern. Bis sie realisieren, dass ich ihr Interesse erweckt habe, bin ich zum Glück schon zehn Meter weiter.

Um in der Showlounge einen Tisch mit guter Sicht belegen zu dürfen, müssen mindestens 75 Euro gezahlt werden. Diese werden als Guthaben an der Bar hinterlegt. Beschwingt beobachten wir eine wirklich innovative Form der Seenotrettungsübung: Nachdem die Kreuzfahrtdirektorin den Umgang mit der Rettungsweste demonstriert hat, beginnt der Wettbewerb zwischen drei Paaren: Er verpackt sie in den orangen Schaumstoff und trägt sie bis zum Ausgang der Lounge. Es gewinnt aber nicht, wer als erstes wieder auf der Tanzfläche ist, sondern wer die lebensrettende Ausrüstung korrekt angelegt hat. Zumindest drei Herren dürften dazu nun in der Lage sein.

In Tallinn rollen die Spirituosen einkaufswagenweise aufs Schiff zu, dahinter stolpern Passagiere, die sich noch immer über die günstigen Preise freuen. Die estnische Hauptstadt hat in den letzten Jahren ansehnliche Getränkemärkte an die Hafenkante gesetzt – damit die Gäste vom Schiff nicht den zwanzigminütigen Weg in die pittoreske Altstadt auf sich nehmen müssen. So sieht vorbildliche Tourismusarbeit aus! Die Souvenirs verschwinden im Schiffsbauch. An Bord werden sie nicht benötigt: In den öffentlichen Bereichen gibt es allabendlich eine andere Spirituose zum halben Preis. Auch ein All-Inclusive-Angebot ist erhältlich.

Und so trinken sich die finnischen und russischen Mitreisenden gegenseitig nieder und demonstrieren anschließend ihr Können lautstark in der Karaokebar. Auch die deutschen Kollegen kommen hier problemlos in Kontakt mit hübschen russischen Damen. Wer zu späterer Stunde noch sicher steht, beobachtet in der Disco den Auftritt ihrer professionellen Schwestern. Auch die Crew hat ein Anrecht auf die Dienste der sechs jungen Hübschen, der Kapitän sogar täglich. Einen Teil ihres Gehalts erhalten sie von der Reederei, den Rest handeln sie mit den Gästen aus. Das gehöre in jedem russischen Hotel zum guten Ton, lasse ich mich von meinen wissenden Mitreisenden aufklären.

Vielleicht könnte man auf diesem Weg noch ganz andere Konflikte lösen. Stattliche Männer werden so leicht handzahm. Und die Idee der russischen Fährreederei zwischen Sankt Petersburg und Helsinki stammt schließlich von einem Mann, dessen männliches Gebahren die Welt derzeit mit Argusaugen beobachtet. Was, wenn seine Provokationen nur Ausdruck einer einsamen Seele sind, die Anschluss sucht? Ein verwegener Gedanke: Sollte der Westen sanfte Wesen statt harter Sanktionen ins Feld führen? Fest steht – den Schampanskoje von der Krim hat der besagte Herr nun wieder auf Lager. Er dürfte Besucherinnen vorzüglich schmecken – als Bester seiner Art.